Die ersten Wochen

Unsere Kinder gingen alle in die Bärenklasse. Das ist die Klasse des Schulleiters. Seinen Namen sowie die Namen aller weiteren Beteiligten habe ich im folgenden verändert.

In der Bärenklasse werden vom ersten bis zum vierten Schuljahr alle Kinder gemeinsam unterrichtet. Ich hatte diesem Modell, das früher an unseren Schulen als „Zwergschule“ bekannt war, ausdrücklich zugestimmt, denn ich glaubte, dass die Kinder voneinander lernen könnten. Und da hier Kinder vieler verschiedener Nationen und Kulturen unterrichtet wurden, hoffte ich auf einen Ort der Toleranz und des gegenseitigen Verständnisse für das Fremde, das Unbekannte. Sollte ein Kind in seiner Entwicklung bereits weiter fortgeschritten sein, so könnte es ja mit den älteren Kindern gemeinsam lernen. Und sicher würde auch meine Tochter gerne ihr Wissen an andere Kinder weitergeben. Schule als Lebensraum, in dem die Kinder anhand ihrer eigenen Lebenswelt lernen zu lernen, das betont die Literatur über die Pädagogik von Freinet immer wieder.

Gespannt auf dieses Schulmodell und seine Vertreter ging ich zum ersten Elternabend. Geduldig beantwortete eine engagierte und sympathische Lehrerin unsere Fragen. Eine kleine Aufgabe hielt man auch für uns Eltern bereit: Jeder sollte sein Kind zeichnen. Diese Aufgabe erfüllten die meisten von uns. Dann sollten wir unsere Kinder in ihren wesentlichen Charakterzügen in der Gruppe vorstellen. Für die rhetorisch Geschulten unter uns war das eher kein Problem, einige deutsche Eltern taten sich etwas schwer mit dieser Aufgabe. Die anwesenden türkischen, italienischen und spanischen Eltern hingegen hatten aufgrund der fehlenden Sprachkenntnisse Probleme mit der Aufgabe. Sie fühlten sich blamiert vor der Gruppe, einige verließen vorzeitig den Elternabend. Ein paar Wochen später erfuhr ich zufällig, dass die sympathische Lehrerin auf dem Elternabend, die unsere Fragen beantwortete, die Lebensgefährtin des Schulleiters ist. Es hatte niemand für nötig befunden, uns dieses für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wichtige Detail auf dem Elternabend mitzuteilen, obwohl das Lehrerpaar uns Eltern gegenüber betonte, dass wir nun Teil einer kleinen Gemeinschaft geworden seien, in der man sich gegenseitig vertrauen sollte. Langsam sickerte in Gesprächen unter den Eltern auch noch durch, dass die drei gemeinsamen Kinder des Paares ebenfalls an der Schule unterrichtet werden. Der Sohn ging mit meiner Tochter zusammen in die Klasse und sprach seinen Vater während des Unterrichts mit Nachnamen an. Auch diese Tatsache war uns nicht offiziell mitgeteilt worden, und da das Kind den Namen der Mutter trägt, fiel die Verwandtschaft zwischen den beiden anfangs nicht auf. Wäre es mir bekannt gewesen, hätte ich meine Zweifel deutlich geäußert, denn meiner Erfahrung nach kann man gegenüber den eigenen Kindern nicht neutral sein. Das hatte ich in meiner Kindheit selber erleben müssen. Mein Vater unterrichtete damals aufgrund einer Ausnahmegenehmigung samstags Chemie am Gymnasium, weil naturwissenschaftliche Lehrer zu Beginn der siebziger Jahre fehlten. Ich erinnere mich nur zu genau, dass er leider zu meiner Schwester und mir besonders streng und damit oft ungerecht war, weil er gerecht sein und uns nicht bevorzugen wollte. Herr H. hingegen scheint sich anders entschieden zu haben. Ich besuchte die Klasse in der Anfangszeit ein paar Mal vormittags. An der Computermaus saß jedes Mal der Sohn. Vielleicht ein Zufall? Mag sein. Beim Martinszug war bei beiden Umzügen, die ich miterlebte, einer der als Ritter verkleideten Jungen sein Sohn. Eine zufällige Wahl? Sowohl meine Tochter als auch ihre Freundinnen schilderten mir einige Male,

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