Vorsicht Freinet!

Von der Reformpädagogik zum Sektierertum?

Ein Erfahrungsbericht

Astrid Haarland




Die Schulwahl


Im Frühjahr 1999 meldete ich meine Tochter an der Célestin-Freinet-Grundschule in Köln an. Ein Jahr vorher hatte ich mich über verschiedene reformpädagogische Modelle informiert. Einige kannte ich noch aus meinem Studium, von anderen erfuhr ich in Gesprächen mit Eltern. Ich begann, mich näher mit der Pädagogik von Célestin Freinet zu befassen. Das Kollegium der Célestin-Freinet-Grundschule arbeitet nach den Prinzipien des französischen Sozialreformers, der in Frankreich vor allem in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts versuchte, zusammen mit den Kindern neue Wege in der Erziehung zu gehen.

Individuelle Förderung der Kinder und ein Verantwortungs-bewusstsein für die Gemeinschaft: Die Freinet-Pädagogik wirbt in ihrem Informationsmaterial damit, dass ihr Konzept diese Ansprüche erfüllt. Ich hoffte daher, dass die Persönlichkeit meiner Tochter geachtet und ihr anhand ihrer individuellen Begabungen die grundlegenden Kulturtechniken beigebracht würden.

Die Freinet-Pädagogik setzt jedoch auch noch einen weiteren Schwerpunkt. Schule ist ein Ort der interkulturellen Begegnung geworden.Wir leben in einer Welt, in der wir lernen müssen, mit dem Anderen, dem Fremden, umzugehen. Trotz aller Lippenbekenntnisse gelingt dieses leider nicht immer. Die Gründe dafür mögen verschieden sein, doch gelöst werden sollte diese Aufgabe dringend, wie wir alle spätestens seit den furchtbaren Ereignissen des 11. Septembers schmerzhaft zur Kenntnis nehmen mussten. Die Freinet-Pädagogik stellt sich dem hohen Anspruch eines Schulmodells, das die oben genannte Punkte besonders berücksichtigt. Die Großstadt Köln bietet genügend Konfliktmaterial. Ein hoher Ausländeranteil ist fast an jeder Grundschule Alltag. Hier zählen keine vollmundigen Versprechen mehr. Die Umsetzung der reformpädagogischen Ansprüche in die Praxis ist für jeden erkennbar.

Der Institution Schule werden sehr viele Aufgaben aufgebürdet. Darf man als Eltern eigentlich so viel von ihr verlangen, wo doch jeder weiß, dass sie am Tropf der Nation hängt? Um daher Missverständnissen vorzubeugen: Dass Eltern wesentliche Teile dieser Aufgaben mit übernehmen müssen, ist für mich selbstverständlich. Auf einem anderen Blatt steht, dass es hoffentlich bald selbstverständlich sein wird, als Erziehende in unserer Gesellschaft nicht den Mitleidsbonus zu bekommen, sondern für die wichtigste Leistung, die in einer Gemeinschaft überhaupt erbracht werden kann, wenigstens halbwegs gerecht entlohnt wird.



Natürlich müssen noch viel mehr Aufgaben von uns Erziehenden gelöst werden. Eltern, Schule, Vereine, private und kommerzielle Organisationen: Wir alle müssen täglich Antworten darauf finden, wie wir unsere Kinder auf die Zukunft vorbereiten sollen. Was und wie sollen unsere Kinder beispielsweise in einer medial orientierte Welt lernen? Die Freinet-Pädagogik meldet sich auch hier zu Wort. Ich nahm daher mit Freude zur

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