Rezension Waldorf Schule
Anhand der geschilderten Beispiele wird deutlich, wie niedrig das Niveau der Einwände gegen die Anthroposophie an manchen Stellen ist. Mit einem Enthüllungsjournalismus schlecht recherchierter Sozialreportagen ist der Anthroposophie jedenfalls nicht beizukommen. Mit diesem kenntnisarmen Rundumschlag gegen die Anthroposophie schadet man der ansonsten recht glaubwürdigen Berichterstattung über den Schulalltag der Kinder. Denn damit sät Frau Jacob nur Zweifel an ihren eigenen Erlebnissen bei denjenigen Lesern, die sich in der Anthroposophie auskennen. Dass der Verlag offenbar am Lektorat gespart hat, kommt leider noch hinzu.

Die Kritik der Autoren schießt somit über das Ziel hinaus, ohne dieses zu treffen. Dabei kann die Kritik an der Anthroposophie und der darauf aufbauenden Waldorf-Pädagogik durchaus fundamental sein. So behauptet Steiner beispielsweise, einen Erkenntnisweg zu lehren, der von jedem denkenden Menschen, der den Willen dazu hat, gegangen werden kann.. Wie auch von Frau Jacob treffend festgestellt, konnte bislang noch von niemandem die von Steiner beschriebene Methode erfolgreich angewendet werden. Ein experimenteller Wahrheitsbeweis ist somit nicht erbracht.

Steiners Erkenntnisweg ist Religions- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, voller Irrungen und Wirrungen. In ihrer Grundannahme falsifizierbar und falsifiziert, wurde die Anthroposophie zu einer Form der Neuoffenbarung, vergleichbar den Neuoffenbarungen Swedenborgs, Lorbers und Duddes. Die Wahrheit und Richtigkeit des Steinerschen Lehrgutes ist somit lediglich an Hand der Handlungsfolgen erkennbar. In diesem Zusammenhang sei hier daher auf eher pragmatische Aspekte verwiesen: So berichtet Frau Jacob über alarmierende Vorfälle an der Schule, die Grund genug sind, dieser Pädagogik eher kritisch bis ablehnend gegenüberzustehen. Es gibt jedoch auch ehemalige Waldorfschüler, die mit ihrer Schule durchaus zufrieden waren. Neben der Waldorf-Pädagogik gibt es auch noch die anthroposophische Landwirtschaft und Medizin. Die anthroposophischen Krankenhäuser stellen den Menschen in den Mittelpunkt und verzichten auf technizistische Machbarkeitsallüren. Die Patienten sind zufrieden. Weniger zufrieden sind allerdings die Mitarbeiter, da die Bezahlung schlecht ist und die Geschäftsleitung es immer wieder schafft, eine Betriebsratsbildung zu verhindern.

Wohin man in der anthroposophischen Landschaft auch blickt: Es ist Menschenwerk, weniger Menschenweisheit, wie ihr Name ja eigentlich besagt. Die Waldorfkritik von Jacob und Drews ist vergleichbar dem Ruf aus dem Wald, in den die Stimmen gläubiger Anthroposophen gar zu kräftig hineingerufen hatten. So wird ihre berechtigte Kritik entwertet durch einen polemischen Rundumschlag gegen die Anthroposophie und Rudolf Steiner. Anthroposophie ist kein Erkenntnisweg, sondern Glaubensgut, das an seinen giftigen und genießbaren Früchten erkannt werden kann.


© Robert Berghausen 2001. Alle Rechte vorbehalten

Autor: www.bertha-dudde.de

Kontakt: berghausen@bertha-dudde.de

Seite 2