Rezension Waldorf Schule
Sybille Christin Jacob/Detlev Drews „Aus der Waldorfschule geplaudert. Warum die Steiner-Pädagogik keine Alternative ist.“ Alibri Verlag. Aschaffenburg. 2001. ISBN: 3932710282.

DM 28,00

Sybille Christin Jacob berichtet über den Alltag an einer Waldorf-Schule aus der Sicht einer Mutter, die zusammen mit ihrem Mann diese Schule mitaufgebaut hat und dem Elternverein angehörte. Erfahrungsberichte über Waldorf-Kindergärten und -schulen sind in den letzten Jahren zahlreich erschienen. Ebenso zahlreich sind die Titel, deren Lektüre bei den Lesern Kopfschütteln und Verärgerung hervorrufen. Dieses Buch ist die Geschichte einer enttäuschten Hoffnung. Wer es liest, spürt, dass Frau Jacob sich Wut und Leid von der Seele schreibt. Schmerzhaft musste sie miterleben, wie ihre Kinder unter einer ideologisierten, repressiven Pädagogik gelitten haben. Anfangs noch gutgläubig und voller Hoffnungen verkennen die Eltern physische und psychische Warnsymptome, bagatellisieren die Schilderungen ihrer Kinder über negative Erlebnisse in der Schule. Fast schon zu spät, entschlossen sich die Eltern, das einzig Richtige zu tun: Sie meldeten ihre Kinder an der Schule ab und lassen sie nun auf eine staatliche Schule gehen. Den Kindern geht es dort wesentlich besser.

Es gibt keinen Grund, die Wahrheit der Schilderungen von Frau Jacob in Zweifel zu ziehen. Sie hätte durchaus noch weitere Buchseiten füllen können. Es gibt einen immer größer werdenden Kreis von interessierten und besorgten Eltern, Lehrern und vielen anderen Menschen, die diese Art von Erfahrungsberichten mit großem Interesse lesen und froh sind über jede weitere Information zum Thema.

Doch Frau Jacob begnügt sich nicht mit bloßer Berichterstattung. Und genau hier liegt die eklatante Schwäche des Buches. Sie hat sich bemüht, hinter den Vorhang zu blicken: Was verbirgt sich hinter der Steinerschen Pädagogik? Welche Ideologie, welche Weltanschauung verkörpert die Anthroposophie? Und nicht zuletzt: Was für ein Mensch war eigentlich Rudolf Steiner?

Als Mitautor bei der Beantwortung dieser Fragen fungiert Detlev Drews, der auf dem Cover des Buchs als „leitender Redakteur einer deutschen Tageszeitung“ vorgestellt wird. Ein Blick in die benutzten Quellen weist reichlich anthroposophische Primär- und Sekundärliteratur auf. Aus dem inzwischen gutsortierten Fundus anthroposophiekritischer Arbeiten schöpfen die Autoren jedoch nur Weniges. Eine der wichtigsten Veröffentlichungen, die 1992 bei Schöningh erschienene Dissertation von Richard Geisen, Anthroposophie und Gnostizismus, fehlt im Literaturverzeichnis. Dabei hat Geisen das Phänomen Anthroposophie so kenntnisreich und subtil wie niemand sonst untersucht, so dass dieses Buch nicht hätte ignoriert werden dürfen. Es bleibt daher nicht aus, dass Jacob und Drews genötigt waren, ausgetretene Pfade zu gehen. Längst widerlegte oder relativierte Einwände gegen Steiner und seine Weltanschauung werden widerbelebt: Steiners Weltanschauung ruhe in sich selbst und entziehe sich somit der Kritik. Dieses ist richtig. Allerdings trifft das Argument auf alle Glaubenssysteme zu, die Schulen betreiben. Ein weiterer schwerer Vorwurf, der immer wieder gerne erhoben wird, ist der, die Anthroposophie sei eine Vorstufe zum Faschismus. Dieser Einwand trifft nur dann zu, wenn der Faschismusbegriff so unhistorisch weit gedehnt wird, dass er auch auf den philosophischen Spätidealismus des 19. Jahrhunderts ausgedehnt wird.

Ein weiterer Punkt: Rudolf Steiner sei ein Schwarzmagier gewesen, ein Genosse des Aleister Crowley. Mit diesem indiskutablen Vorwurf schließlich sieht sich jeder Freimaurer konfrontiert.

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